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Der Buchladen Land in Sicht – 1978 bis heute

Der Buchladen Land in Sicht, Rotteckstraße 13/ Ecke Mercatorstraße im Frankfurter Nordend, wurde am 23.Juni 1978 eröffnet. Ein paar Ecken weiter und bereits am 1. Mai 1978 hatte Johnny Klinke das “Strandcafé” aufgemacht, und Mitte Dezember 1978 wurden im Café “Größenwahn” in der Nordendstraße Bier gezapft und Bratkartoffel geröstet. Schon seit dem Sommer 1977 gab es, nahe dem Buchladen, an der Ecke Gaußstraße/ Mercatorstraße, in einem alten Waschsalon, das Schwulenzentrum “Anderes Ufer”. In diesen Jahren schuf sich die politische und ökologische Alternativszene, hervorgegangen aus der Studentenbewegung, im Nordend ihre Cafés, Kneipen und Läden. Der Buchladen Land in Sicht ist einer davon.

Damals: die Bücherregale reichten nicht bis an die Decke; in manchen Fächern standen die Bücher quer und zeigten den Titel in ganzer Breite. Zwischen den Kinderbüchern tummelte sich Holzspielzeug. Auch Keramik aus kleinen Töpfereien im Taunus und okzentanischer Wein wurde verkauft. Für zwei, drei Jahre war Lora, ein lebender Papagei, die Attraktion. Sie inspirierte Friedrich Karl Waechter zum ersten Logo des Ladens: im weiten Meer auf einem Buch zu einer Insel treibend krächzt ein Papagei:

“Land in Sicht”.

Nicht nur das Logo hat sich geändert. Kommissionswaren und die Ecke für modernes Antiquariat sind verschwunden. 16.000 Titel drängen sich in den Fächern und bilden nach wie vor ein programmatisches Sortiment. Das ist heute freilich auch ein bißchen anders als 1978 zusammengesetzt. Damals waren Politik und Ökonomie, Philosophie und Soziologie und nicht zuletzt Ökologie durchaus zu studieren mit heißem Bemühn. Allerdings spielte auch, von Beginn an, die totgesagte schöne Literatur eine tragende Rolle, die Weltliteratur und die deutsche; und die Lyrik, obwohl sie schwer verkäuflich ist, nach wie vor.

Entscheidend für die Änderungen im Sortiment waren und sind die Veranstaltungen, die der Buchladen regelmäßig durchführt. Sie funktionierten manchmal wie Weichenstellungen in neue Richtungen. Die Veränderungen bestanden jedoch nicht in schlichter Abkehr von Themen, sondern im Zuwachs von neuen und der Erweiterung des Sortiments. Als Beispiel: Ein Abend zu dem französischen Ethnologen und Schriftsteller Michel Leiris schon 1978,und zu Beginn der achtziger Jahre Vorträge und Diskussionen mit den Ethnologen und Psychoanalytikern Goldy Parin-Mathey und Paul Parin, Fritz Morgenthaler und Mario Erdheim haben Ethnologie, Psychoanalyse und Kulturanthropologie zu einem Schwerpunkt des Ladensortimentes gemacht; die Werke von Freud waren freilich schon vorrätig. Andererseits führte die traditionelle Lesung mit Dichterinnen und Dichtern aus aller Welt, von T.C. Boyle bis Aleksandar Tisma, zu einer vielfältigen Erweiterung des belletristischen Sortiments.

Es ist nicht simpel aus den aktuellen Angeboten der Verlage zusammengestellt, um im Frühjahr und Herbst zu wechseln. Klassische und zeitgenössische Weltliteratur soll mit schöner Beständigkeit vorhanden sein. Nicht die “Umschlagsgeschwindigkeit” eines Buches entscheidet darüber, ob es im Sortiment vorhanden ist. Qualität und Bedeutung von Buch und Autorin/Autor sind wichtiger. So entstand ein vielseitiges weltliterarisches Sortiment. Die Orientierungslinie ist die Tradition der Aufklärung. Und Bücher, die trotzdem nicht vorhanden sind, werden schleunigst besorgt; selbst schwierigste Einzelstücke.

Musikabende zählen zu den anderen Formen von Veranstaltungen, zu denen der Buchladen einlädt. Ein Schubert-Abend von von Anne Bärenz, Frank Wolff und anderen, wurde 1978 dort uraufgeführt. Im Februar 1998 bot die spanische Gruppe “Duo contraste” überraschende, ungewohnte Kompositionen für Gitarre und Akkordeon, die von zeitgenössischen Komponisten für ihr Programm geschrieben worden sind. – Und auch das gab es: das Klappmaul-Theater spielte, als die Bühne noch nicht groß sein mußte, einige Generalproben und Premieren ihrer Stücke für Kinder im Buchladen; fröhliche Begeisterung über “Die Nähmaschine” im Oktober 1982.

An einer großen Wandfläche des Ladens gibt es keine Bücherregale. Sie wird entschlossen für Ausstellungen freigehalten. Der Fotograf Frank Horvath zeigte Schwarz-weiß-Fotografien von Reisen um die Welt. Ölgemälde und Aquarelle von Fritz Morgenthaler, der auch als Maler einen Namen hat, wurden 1986 ausgestellt. Im September 1998 zeigte die Frankfurter Künstlerin E.R. Nele ihre Bilder zu Gedichten von Erich Fried, um nur einige Beispiele zu nennen

Das Sortiment und die zahlreichen, verschiedenen Veranstaltungen haben eine feste Stammkundschaft – nicht nur aus dem Nordend – gebildet, die selbst einen weiteren Weg zu dem ein wenig abseits von gewohnten Einkaufswegen liegenden Ladengeschäft nicht scheut.

Auch deshalb sind die ersten drei Jahrzehnte ganz gut gelungen. Es lohnt sich vorbeizuschauen.

Unser erstes Logo wurde 1978 von F.K. Waechter gezeichnet

LAND IN SICHT

AN SICH LIND
IN SANDLICHT
INS NACHTLID
LIST ICH DANN

LAND IN SICHT

Anagramm
von Henrieke I. Strecker

Das Buchladen-Kollektiv 1998 - © Robert Schuler