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Oxenberg & Bernstein

Autor
Mihuleac, Catalin

Oxenberg & Bernstein

Untertitel
Roman. Aus dem Rumänischen von Ernest Wichner
Beschreibung

Sânziana Stipiuc, 35, von Beruf Buchhalterin, bekommt eines Tages von ihrem Chef einen ganz besonderen Auftrag: Sie ist die einzige, die englisch spricht und darum als einzige qualifiziert, die amerikanischen Juden zu empfangen, die aus geschäftlichen Gründen in die Stadt kommen. Sânziana fügt sich der Anweisung ihres Vorgesetzten und lernt so Mutter und Sohn Bernstein kennen, die ein Vermögen mit dem Handel von Secondhand-Klamotten gemacht haben. Nach ein paar Tagen ist klar: Sânziana war die längste Zeit Buchhalterin, wird fürderhin in Amerika an der Seite von Ben Bernstein und unter dem schwiegermütterlichen Regiment Dora Bernsteins leben und vor allem nicht länger Sânziana Stipiuc, sondern Suzy Bernstein heißen.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Zsolnay Verlag, 2018
Seiten
368
Format
Gebunden
ISBN/EAN
978-3-552-05883-5
Preis
24,00 EUR
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor:

Cǎtǎlin Mihuleac, geboren 1960 in Iasi, ist Romancier und Dramatiker. Darüber hinaus schreibt er regelmäßig für rumänische Zeitungen. Oxenberg & Bernstein ist sein erster Roman auf Deutsch.

Zum Buch:

Vintage, Retro, „shabby chic“, aus den Nähten platzende Flohmärkte und prächtig florierende Second Hand Läden.

Geschichten fügen den profanen Dingen des Alltags etwas hinzu, verleihen ihnen einen ganz besonderen Wert. Das war schon immer so und ist auch heute überall zu besichtigen: Der Schuhschrank aus den 50ern, das Grammophon aus den 20ern, die Schelllackplatte. Das alles wird von einer wildromantischen Aura umweht, das alles sind neckische Zitate einer Vergangenheit, die jetzt die eigene Individualität krönen sollen. Geschichte, zur Story verknappt, als Verkaufsargument: Alt ist sexy, „Vintage“ füllt die Kassen.

Sânziana Stipiuc, 35, von Beruf Buchhalterin, bekommt eines Tages von ihrem Chef einen ganz besonderen Auftrag: Sie ist die einzige, die englisch spricht und darum als einzige qualifiziert, die amerikanischen Juden zu empfangen, die aus geschäftlichen Gründen in die Stadt kommen. Sânziana fügt sich der Anweisung ihres Vorgesetzten und lernt so Mutter und Sohn Bernstein kennen, die ein Vermögen mit dem Handel von Secondhand-Klamotten gemacht haben. Nach ein paar Tagen ist klar: Sânziana war die längste Zeit Buchhalterin, wird fürderhin in Amerika an der Seite von Ben Bernstein und unter dem schwiegermütterlichen Regiment Dora Bernsteins leben und vor allem nicht länger Sânziana Stipiuc, sondern Suzy Bernstein heißen.

In Amerika angekommen, entwickelt sich Suzy schnell zu einer taffen Geschäftsfrau, die das Geschäft mit den Klamotten mit „Story“ aus dem Effeff beherrscht. Sie vergisst auch ihre eigene arme rumänische Familie nicht, bedenkt sie mit lukrativen Posten in der frisch eröffneten Dependance in Rumänien – sie kümmert sich nach Kräften, singt zähneknirschend das Hohelied des Kapitalismus.

Trotz des Erfolges steht für Suzy allerdings nichts zum Besten: Das Land jenseits des Ozeans, die neue jüdische Identität und die neue Tätigkeit stellen die Perspektive auf die Dinge auf den Kopf: Suzy taucht in die Geschichte der Familie Bernstein ein, beginnt, sich gewissermaßen rückwärts durch die Zeit zu bewegen, um schließlich beim 29. Juni 1941 anzulangen, jenem Schreckenstag, an dem der lange angestaute und staatlich forcierte Antisemitismus in Rumänien zum Massaker von Iasi führte. Jenes Datum, das das finstere Gravitationszentrum des Buches bildet, der Ort, an dem sich Vergangenheit und Zukunft treffen.

Cātālin Mihuleac lässt den Leser Suzy Bernstein über die Schulter schauen. In schnoddrig-schöner Sprache, die mit rasiermesserscharfen Bildern daherkommt und sich meisterhaft darauf versteht, Lacher zu provozieren, die schon im nächsten Augenblick jäh in der Kehle stecken bleiben, erkundet er, Suzy als zornige Erzählerin vorgeschaltet, die Geschichte des rumänischen Antisemitismus, die auch die Geschichte der rumänischen Juden ist.

Dabei lässt er Suzy einerseits von ihrer Recherche-Reise durch die Zeit erzählen. Andererseits lässt er sie die fiktive Familiengeschichte der wohlhabenden jüdischen Familie Oxenberg aus Iasi dokumentieren, die unter den antisemitischen Repressionen und Übergriffen des pro-faschistischen Regimes leidet und schließlich an eben jenem verhängnisvollen Tag im Juni 1941 zerrissen wird.

Alles hat eine Geschichte. Geschichte ist aber etwas anderes als eine „Story“. Geschichte ist nicht immer dazu angetan, einen Gegenstand wertsteigernd zu veredeln. Vielmehr enthüllt sie mitunter dunkle Flecken, die wiederum eine nette Story verderben können.

„Die Historiografie zerschlägt in der nationalen Vitrine wertvolle Kristallgefäße. Der Patriotismus, entworfen, um ewig zu strahlen, wird zu Blech.“

Mihuleacs Buch Oxenberg & Bernstein, das bereits 2014 in Rumänien erschienen ist, ist eine zornige Zeitkritik, eine enthüllende Halbfiktion, die mit Bedacht und Akkuratesse die historischen Fakten des rumänischen, des europäischen Antisemitismus zu einer grandiosen, aber beißend-ungemütlichen Erzählung arrangiert, die tief unter die Haut geht.

Johannes Fischer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt