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Eine Liebe in der Steppe

Autor
Albig, Jörg-Uwe

Eine Liebe in der Steppe

Untertitel
Novelle
Beschreibung

Gregor Stenitz ist mit Leib und Seele Paläontologe am Heimatmuseum einer ostdeutschen Kleinstadt. Hingebungsvoll katalogisiert er seine Fossilien, befühlt sie, nimmt ihren Geruch, ihre Struktur, ihr Wesen in sich auf. Mit seiner Kollegin Judith pflegt er eine lockere Beziehung, mit seinem Freund Le Betram eine lockere Freundschaft. Zusammen kämpfen sie für den Erhalt der dem Abriss geweihten Plattenbauten der Stadt. Bei einem seiner Spaziergänge durch dieses – „Zone“ genannte – Gebiet hat Gregor die Begegnung, die sein ganzes Leben verändern wird: Er trifft auf Maria Magdalena und verliebt sich unsterblich. Maria Magdalena ist unscheinbar, von unbestimmtem Alter, und sie ist – ein Gebäude.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Klett-Cotta Verlag, 2017
Seiten
175
Format
Gebunden
ISBN/EAN
978-3-608-96157-7
Preis
20,00 EUR
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor:

Jörg-Uwe Albig, geboren 1960 in Bremen, studierte Kunst und Musik in Kassel, war Redakteur beim »Stern« und lebte zwei Jahre als Korrespondent einer deutschen Kunstzeitschrift in Paris. Seit 1993 arbeitet er als freier Autor in Berlin. Er schreibt u.a. für »GEO« und das »SZ Magazin«.

Zum Buch:

Gregor Stenitz ist mit Leib und Seele Paläontologe am Heimatmuseum einer ostdeutschen Kleinstadt. Hingebungsvoll katalogisiert er seine Fossilien, befühlt sie, nimmt ihren Geruch, ihre Struktur, ihr Wesen in sich auf. Sein Leben geht einen geordneten, ruhigen Gang. Mit seiner Kollegin Judith pflegt er eine lockere Beziehung, mit seinem Freund Le Betram (so genannt wegen dessen Schwärmerei für Le Corbusier) eine lockere Freundschaft. Zusammen kämpfen sie für den Erhalt der dem Abriss geweihten Plattenbauten.

Zinnroda ist eine Stadt im Schrumpfungszustand am Rand des Braunkohlenreviers. Der Untergang der Kohleförderung hat die Gegend entvölkert, und auch wenn der Stadtkern mit seinen Gründerzeithäusern überlebt hat, wächst drum herum die „Zone“. Dort werden die in den Jahren der Prosperität entstandenen Plattenbausiedlungen „rückgebaut“. Es entsteht eine Landschaft aus Bauruinen, bevölkert von Kränen und Baggern, mit überwucherten Wegen im Übergang zur Versteppung.

Bei einem seiner Spaziergänge durch dieses Gebiet hat Gregor die Begegnung, die sein ganzes Leben verändern wird: Er trifft auf Maria Magdalena und verliebt sich unsterblich. Maria Magdalena ist unscheinbar, von unbestimmtem Alter, und sie ist – ein Gebäude. Eine kleine Kapelle, erbaut in einem unbestimmt-modernistischen DDR-Stil, und Gregors Liebe zu ihr ist nicht nur ideeller Natur. Mit allen Sinnen fühlt er sich zu „Madeleine“, wie er sie nennt, hingezogen. Sein Bedürfnis, ihr nahe zu sein, ihre Oberfläche zu berühren und – der Gipfel des Glücks – sich alleine in ihr aufzuhalten, wächst ständig.

Nur zwei Umstände stören sein Verhältnis zu ihr. Da ist Dornkamp, der heruntergekommene, ziemlich schmierige Pfarrer, der alle 14 Tage für ein paar letzte Kirchgänger den Gottesdienst hält und Herr des Schlüssels zur Kapelle ist. Und es gibt eine aggressive Horde, Anhänger eines selbstgeschaffenen Naturkults, die jeden, der sich „Freyas Rückkehr in ihr Reich“ entgegen stellt – also sich in der „Zone“ aufhält – brachial bekämpft. Doch Gregor lässt sich nicht beirren. Sanft, aber unerbittlich gerät er immer tiefer in Madeleines Bann und beginnt, sein Leben nur noch auf sie auszurichten, bis außer seiner Arbeit und den Besuchen bei ihr für nichts anderes mehr Raum bleibt.

So aberwitzig dieser Plot auch klingt – Jörg-Uwe Albig gelingt mit seiner ruhigen Erzählweise, die das Denken, Fühlen und Verhalten seines Protagonisten ganz und gar glaubwürdig werden lässt, die eindrucksvolle Darstellung der völligen Verwandlung eines Menschen. Sein Gregor wacht zwar nicht plötzlich eines Morgens als Käfer auf, am Ende aber liegt auch er hilflos auf dem Rücken. Wer Freude an Geschichten, hat, die durch eine kleine Verrückung der gewohnten Welt einen anderen Blick auf die Normalität freilegen, wird dieses Buch mit Vergnügen lesen.

Ruth Roebke, Bochum