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Unter den Udala Bäumen

Autor
Okparanta, Chinelo

Unter den Udala Bäumen

Untertitel
Roman. Aus dem Englischen von Sonja Finck und Maria Hummitzsch
Beschreibung

Eine Legende der Igbo im Süden Nigerias erzählt davon, dass Geisterkinder, die es leid sind, rastlos zwischen den Welten der Lebenden und Toten hin- und herzuschweben, über Udala-Bäumen zur Ruhe kommen. Dankbar für die Möglichkeit, irgendwo anzukommen, können diese Geister Frauen, die sich lange genug im Schatten eines Udala-Baumes aufhalten, zu Fruchtbarkeit und vielen Kindern verhelfen. So klingt schon im Titel des Romans der nigerianischen Autorin Chinelo Okparanta ein Teil der Geschichte um das Mädchen Ijeoma und ihrer Familie an.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Verlag Das Wunderhorn, 2018
Seiten
336
Format
Gebunden
ISBN/EAN
978-3-88423-592-8
Preis
16,99 EUR
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor:

Chinelo Okparanta wurde in Port Harcourt/ Nigeria geboren. Mit 10 Jahren emigrierte sie mit ihrer Familie in die USA, wo sie auch studierte. Ihr erster Roman Under the Udala Trees erschien 2015 und war 2017 auf der Shortlist des International Dublin Literary Award. Sie unterrichtet derzeit Kreatives Schreiben an der Bucknell University, Lewisburg/ USA.

Zum Buch:

Eine Legende der Igbo im Süden Nigerias erzählt davon, dass Geisterkinder, die es leid sind, rastlos zwischen den Welten der Lebenden und Toten hin- und herzuschweben, über Udala-Bäumen zur Ruhe kommen. Dankbar für die Möglichkeit, irgendwo anzukommen, können diese Geister Frauen, die sich lange genug im Schatten eines Udala-Baumes aufhalten, zu Fruchtbarkeit und vielen Kindern verhelfen. So klingt schon im Titel des Romans der nigerianischen Autorin Chinelo Okparanta ein Teil der Geschichte um das Mädchen Ijeoma und ihrer Familie an.

Ijeoma wächst in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts in Nigeria auf, und gleich zu Beginn des Romans erfährt man aus ihrer kindlichen Perspektive vom Kampf um die ölreiche Region Biafra, der vor über 50 Jahren Nigeria spaltetet. Diesem Krieg, dessen Bilder von hungernden Kindern mit aufgeblähten Bäuchen um die Welt gingen und das Afrika-Bild einer ganzen Generation prägten, fällt auch Ijeomas Vater zum Opfer, und ihre Mutter zerbricht fast an diesem Verlust und den verheerenden Lebensbedingungen. Die Mutter beschließt, das 11-jährige Mädchen zu entfernten Freunden zu bringen, wo es als Dienstmädchen gegen Kost, Logis und den Besuch einer Schule unterkommen kann. Ijeoma weiß natürlich, wie schlecht es ihrer Mutter geht, fühlt sich aber dennoch schrecklich verlassen und findet erst wieder neuen Lebensmut, als sie Amina kennenlernt. Ab jetzt teilen die beiden nicht nur die kleine Hütte, die Wasserschüssel im Hof und das Bett, sondern auch die täglich zu verrichtende Arbeit. Zwischen den heranwachsenden Mädchen entwickelt sich eine zärtliche Freundschaft, deren Brisanz ihnen erst nach ihrer Entdeckung richtig klar zu werden scheint. Das Lehrerehepaar, bei dem sie leben und arbeiten, ist schockiert, informiert sofort Ijeomas Mutter, die ihre Tochter innerhalb weniger Tage zu sich holt und in den darauf folgenden Wochen schimpfend und flehend versucht, sie von deren „widernatürlichen“ Neigungen zu befreien.

Ijeoma und Amina begegnen sich erst nach einiger Zeit in einem Internat wieder, in das man sie geschickt hat, beide verstört und verängstigt durch die biblischen Warnungen vor dem „Gräuel“, das ihre gleichgeschlechtlichen Liebe zueinander für den Rest der Welt zu sein scheint. Amina verschließt ihr Herz und heiratet einen Mann; Ijeoma trauert ihr in Gedanken jahrelang nach.

Obwohl Ijeoma mittlerweile über zwanzig ist und nicht nur die Liebe zu Ndidi, einer anderen Frau, in sich entdeckt, sondern auch eine eingeschworene Gemeinde von Homosexuellen kennenlernt, die sie warmherzig aufnimmt, schafft sie es nicht, sich gegen die Erwartungen ihrer Mutter und gegen ihre religiösen Schuldgefühle zu wehren. Hin und her gerissen zwischen Sehnsucht, Zweifel und Schuld, nimmt sie letztlich resigniert den Heiratsantrag eines alten Freundes an, versucht ein traditionelles Leben zu führen, jedoch ohne Erfolg …

Unter den Udala Bäumen zeichnet ein packendes, intensives Bild eines westafrikanischen Landes, das auch durch die in ihm lebenden extrem unterschiedlichen Kulturen nur schwer zur Ruhe kommt. Das Buch ist eine Aufforderung zur Toleranz, zum Überdenken unserer Traditionen, aber auch ein Appell an unsere Politiker, die unter Handlungsdruck einige Länder wieder zu „sicheren Herkunftsstaaten“ erklären, obwohl bekannt ist, dass den dorthin abgeschobenen, homosexuellen Migrant*innen Folter oder gesellschaftliche Ächtung droht. Der Roman endet mit den Worten der Mutter: „Ka udo di, ka ndu di“, was auf Igbo so viel heißt wie: „Möge Frieden sein. Möge das Leben sein, was es ist.“Diese Einsicht steht für eine Versöhnung mit dem, was ist: Liebe zwischen Menschen, egal welcher Herkunft, welcher Kultur und welchen Geschlechts.

Larissa Siebicke, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt