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Die Hauptstadt

Autor
Menasse, Robert

Die Hauptstadt

Untertitel
Roman
Beschreibung

Gewinner des Deutschen Buchpreises 2017

Brüssel. Eine Stadt, die sage und schreibe 19 Bürgermeister besitzt und entsprechend mit dem Zwang zu Kompromissen lebt. Eine Stadt also, die geradezu prädestiniert ist zur Hauptstadt der EU, die ja ebenfalls mit dem Zwang zu Kompromissen lebt. Vermutlich haben sich die Bürger und Bürgerinnen der Stadt an diesen Zwang zum Kompromiss gewöhnt, bei den Bürgerinnen und Bürgern der EU-Länder aber sieht das anders aus. Das Image der Kommission ist auf dem Tiefststand, und deshalb bekommt Martin Susmann den Auftrag, anlässlich eines Jubiläums eine Imagekampagne zu entwerfen, um diesen Zustand zu ändern.

Die Hauptstadt ist ein bitterböses, urkomisches, zorniges und sehr kluges Buch über den Zustand der Europäischen Union und am Ende weiß man wieder, warum wir die EU brauchen, aber auch, warum sie nicht so bleiben kann, wie sie ist.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Suhrkamp Verlag, 2017
Seiten
459
Format
Gebunden
ISBN/EAN
978-3-518-42758-3
Preis
24,00 EUR
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor:

Robert Menasse wurde am 21. Juni 1954 in Wien geboren. Menasse studierte in Wien, Salzburg und Messina Germanistik, Philosophie und Politikwissenschaft und promovierte 1980. Von 1981 bis 1988 arbeitete er an der Universität Sao Paulo in Brasilien als Assistent am Institut für Literaturtheorie. Seither ist der Schriftsteller und Essayist als freier Publizist tätig. 1990 wurde Robert Menasse als erster mit dem “Heimito-von-Doderer-Preis” ausgezeichnet. Der Schriftsteller, der auch als Übersetzer aus dem brasilianischen Portugiesisch arbeitet, lebt in Wien und Amsterdam.

Zum Buch:

Brüssel. Eine Stadt, die sage und schreibe 19 Bürgermeister besitzt und entsprechend mit dem Zwang zu Kompromissen lebt. Eine Stadt also, die geradezu prädestiniert ist zur Hauptstadt der EU, die ja ebenfalls mit dem Zwang zu Kompromissen lebt. Vermutlich haben sich die Bürger und Bürgerinnen der Stadt an diesen Zwang zum Kompromiss gewöhnt, bei den Bürgerinnen und Bürgern der EU-Länder aber sieht das anders aus. Das Image der Kommission ist auf dem Tiefststand, und deshalb bekommt Martin Susmann den Auftrag, anlässlich eines Jubiläums eine Imagekampagne zu entwerfen, um diesen Zustand zu ändern. Die Idee kommt von seiner Chefin aus der Generaldirektion Kultur, die wiederum hofft, dadurch ihre Stellung im Beamtenapparat zu verbessern und endlich dahin zu kommen, wo die wichtigen Entscheidungen getroffen werden: ins Wirtschaftsressort. Da die EU ihre Entstehung dem Ersten, vor allem aber dem Zweiten Weltkrieg und damit auch dem Holocaust verdankt, entwickelt Susmann den Plan, Holocaustüberlebende zu diesem Jubiläum einzuladen, stellt aber fest, dass sie sehr schwer zu finden sind. Das ist das eine Problem, das andere, mit dem sich seine Chefin herumschlagen muss, ist ein taktisches: Ein solches Projekt lässt sich nur dann realisieren, wenn sie es schafft, das Parlament und damit das Gewirr der nationalstaatlichen Interessen zu umgehen. Das ist nicht leicht, hat sie es doch mit einem äußerst gewieften Taktiker zu tun … Derweil zieht der letzte Holocaustüberlebende, David de Vriend, den Susmann, ohne ihn allerdings zu kennen, so verzweifelt einladen möchten, ins Altenheim und macht sich unbeliebt, weil er andere Vorstellungen von seinem letzten Lebensabschnitt hat als das Pflegepersonal; Kommissar Brunfaut muss einen Mordfall auf sich beruhen lassen, weil es die Politik so will, während sich der Mörder vor seinen Auftraggebern in einem polnischen Kloster versteckt; der Präsident des europäischen Verbands der Schweineproduzenten, Susmans Bruder, kämpft für ein europäisches Schweinefleischabkommen mit China, der emeritierte Volkswirtschaftler Alois Erhart bereitet sich auf die wichtigste Rede seines Lebens vor – und durch Brüssel prescht ein wildgewordenes Schwein …

Die Hauptstadt ist ein bitterböses, urkomisches, zorniges und sehr kluges Buch über den Zustand der Europäischen Union, ein Buch, das nur so strotzt vor bissigen Bemerkungen, sei es über stromlinienförmige junge Mitarbeiter von den Eliteunis der diversen Mitgliedsländern, die sogenannten „Salamander“: “man kann sie ins Feuer werfen, aber sie verbrennen nicht, ihr Hauptmerkmal ist ihre Unzerstörbarkeit”, sei es über die Beziehungen bindungsunfähiger Karrieristen: „Er täuschte Begehren vor, sie einen Orgasmus. Die Chemie stimmte.“ Hat man sich in dem Anfangs etwas verwirrenden Geflecht aus Personen und Situationen erst eingerichtet, wird man das nicht mehr aus der Hand legen. Am Ende weiß man wieder, warum wir die EU brauchen, aber auch, warum sie nicht so bleiben kann, wie sie ist. Robert Menasse beschreibt keine politischen Interessenlagen, sondern Strukturen, was viel erhellender ist, und man kann seinem Buch nur viele Leser – und viele diskussionsfreudige Leser – wünschen, damit sich vielleicht doch etwas ändern lässt.

Irmgard Hölscher, Frankfurt am Main