Zum Buch:
„Joseph Roth beendet Flucht ohne Ende mit dem Satz ‚So überflüssig wie er war niemand in der Welt.‘ Das sehe ich anders. Niemand auf der ganzen Welt ist so überflüssig wie ich… Ich bin diejenige, die keine Arbeit, keine Hoffnung, keinen Ehrgeiz, noch nicht einmal Liebe für sich selbst hat.“ ( S. 415f)
Aaliya, die Hauptfigur dieses Romans, inzwischen 72 Jahre alt, lebt in Beirut. Mit Anfang 20 kinderlos geschieden, lebt sie allein. Sie hat ihr Leben der Literatur, der Weltliteratur, gewidmet und im Lauf ihres Lebens 37 Romane ins klassische Arabisch übersetzt. Wenn sie eine Übersetzung abgeschlossen hat, bündelt sie den Papierstapel, packt ihn in einen Karton und verstaut ihn im ehemaligen Dienstmädchenzimmer ihrer Wohnung. Nach der Scheidung übernimmt sie auf Vermittlung ihrer Freundin einen Job in einer Buchhandlung, der ihr das karge Überleben sichert.
Erzählt wird, wie Aaliya ihren Alltag als alleinstehende Frau im patriarchalischen und ständig vom Bürgerkrieg geschüttelten Beirut besteht. Nach dem Auszug ihres Ehemanns versuchen ihre Brüder und auch die Mutter, ihr die Wohnung wegzunehmen. „Mein Zuhause, meine Wohnung: In ihr lebe ich, bewege ich mich und bin ich… Meine Mutter konnte mir nicht gegenübertreten, ohne zu versuchen, mich zum Auszug zu überreden. … Es sei meine Familienpflicht. Ich sei egoistisch, gefühllos und hochmütig. Wüsste ich denn nicht, was die Leute darüber sagten, dass ich allein lebte? Ich saß essend oder lesend in der Wohnung, und plötzlich begannen hinter der Tür das Hämmern und die Beschimpfungen. Mein Herz setzte kurz aus, ich zitterte am ganzen Körper. Manchmal, vor allem in den ersten Jahren des Alleinseins, hatte ich das Gefühl, meine Seele würde schrumpfen, wie eine Walnuss, die in ihrer Schale vertrocknete.“ (S.33)
Ausgangssperren, Tote auf dem Bürgersteig, das Versiegen von Strom und Wasser – Aaliya meistert ihr Alltagsleben und zieht sich in die Welt der Literatur zurück: W.G. Sebald, Coetzee, Pessoa, Tolstoi, Virginia Woolf, Hemingway, Sylvia Plath, Magris – lang ist die literarische Namensliste, die in diesem Roman verarbeitet ist.
Die Rahmenhandlung, aus der heraus das Leben Aaliyas erzählt wird, endet mit einem Paukenschlag: während sie noch mit dem Problem blau verfärbter Haare kämpft und überlegt, ob sie als nächstes Bolanos Buch „2666“ übersetzen soll, werden ihre Manuskripte bei einem Wasserschaden durchnässt. Die anderen drei im Haus lebenden Frauen – von Aaliya bisher stets auf Abstand gehalten – eilen herbei, und gemeinsam versuchen sie, bügelnd und föhnend die Übersetzungen zu retten.
Vor dem Hintergrund der politischen Geschichte des Libanons mit ihren kriegerischen Auseinandersetzungen nach innen und außen , kann der Titel des Buches „Eine überflüssige Frau“ auch so gedeutet werden: Während der Kampf um religiöse und machtpolitische Sinnstiftung nur zu Krieg und Verderben führt, ist der Verzicht auf diese Form der Sinnsuche, auch wenn er nicht einfach zu leben ist, vielleicht eine Alternative für eine friedlichere Welt.
Regine Hagedorn, Eulenspiegel Buchladen, Bielefeld