Belletristik

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Buchempfehlung Belletristik

Autor
Nolan, Megan

Kleine Schwächen

Untertitel
Roman. Aus dem Englischen von Stefanie Ochel
Beschreibung

Die irische Schriftstellerin Megan Nolan hat zwar keine True-Crime-Story geschrieben, aber ihr zweiter Roman Kleine Schwächen steht im kritischen Dialog mit diesem so erfolgreichen Genre.
Im Zentrum ihres Romans steht ein vermeintliches Verbrechen: Die zehnjährige Lucy, die im London der frühen 1990er Jahre mit ihrer Mutter Carmel, ihrem Onkel und ihrem Großvater in einer Sozialsiedlung wohnt, wird verdächtigt, eine dreijährige Spielgefährtin umgebracht zu haben. Während das kleine Mädchen aus gutem Haus kommt, stammt Lucys Familie aus dem irischen Waterford und ist um das Jahr 1980 nach England emigriert. Der vermeintliche Mord versetzt Nachbarschaft wie Gesellschaft in Aufruhr.

Megan Nolans Roman ist nicht nur Medien- und Sozialkritik, sondern zugleich ein psychologisch präzise gearbeiteter und scharfsinniger Text. Es geht also nicht um dunkle Geheimnisse, angesichts derer die Mainstream-Medien sich die Finger lecken, sondern um die ganz gewöhnlichen, menschlichen Versäumnisse und Fehltritte einer Working-Class-Familie aus dem Irland der späten 1970er Jahre. Und aufgrund dieses sehr deutlichen historischen Bezugs widmet sich Nolan Fragen zu Themen wie Klasse, Scham, Trauma, Gewalt und Feminismus. Bei aller Diskursraffinesse ist dieser Roman aber insbesondere eins: zutiefst menschlich.

(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Kjona Verlag, 2026
Format
Gebunden
Seiten
256 Seiten
ISBN/EAN
9783910372634
Preis
24,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Megan Nolan wurde 1990 in Waterford, Irland, geboren. Sie hat Essays für die »New York Times« und den »Guardian« geschrieben. 2021 erschien ihr Debüt Verzweiflungstaten.
Kleine Schwächen ist Megan Nolans erster Roman im Kjona Verlag.

Stefanie Ochel übersetzt Literatur aus dem Englischen und Niederländischen, zuletzt Romane von Lara Haworth, Angelo Tijssens und Yael van der Wouden. Nach Aufenthalten in Finnland und England lebt sie heute in Berlin.

Zum Buch:

Öffentlichkeiten gieren bekanntermaßen nach schmutzigen Geheimnissen – egal ob von Einzelpersonen, Familien, Freund:innen, Parteien, Fußballvereinen o.Ä. Je schmutziger das Geheimnis, umso größer die mediale Aufmerksamkeit. Eine Maxime, die den Kern der Boulevardmedien ausmacht. Man könnte allerdings auch behaupten, dass sie zu den Grundpfeilern eines der aktuell am meisten rezipierten Genres überhaupt zählt: der sogenannten True-Crime-Fiction. Geschichten, die auf wahren Verbrechen beruhen und für die Sensationslust eines Millionenpublikums dramaturgisch aufbereitet werden. Idealerweise werden zahlreiche Geheimnisse aufgedeckt, die Leser:innen, Zuschauer- und Zuhörer:innen schockiert zurücklassen.

Die irische Schriftstellerin Megan Nolan hat zwar keine True-Crime-Story geschrieben, aber ihr zweiter Roman Kleine Schwächen steht durchaus im kritischen Dialog mit diesem so erfolgreichen Genre. Im Zentrum ihres Romans steht ein vermeintliches Verbrechen: Die zehnjährige Lucy, die im London der frühen 1990er Jahre mit ihrer Mutter Carmel, ihrem Onkel und ihrem Großvater in einer Sozialsiedlung wohnt, wird verdächtigt, eine dreijährige Spielgefährtin umgebracht zu haben. Während das kleine Mädchen aus gutem Haus kommt, stammt Lucys Familie aus dem irischen Waterford und ist um das Jahr 1980 nach England emigriert. Der vermeintliche Mord versetzt Nachbarschaft wie Gesellschaft in Aufruhr.
Mitten in diese Gemengelage hinein begibt sich Tom, ein aufstrebender Boulevardreporter, Anfang 20, der für den Daily Herald schreibt. Tom wittert eine Story. Er kontaktiert die Familie. Während Lucy auf dem Polizeipräsidium verhört wird, bringt er Mutter, Onkel und Großvater in einem Hotel unter, um sich Exklusivinterviews mit den drei Angehörigen zu sichern.

Wer einen nervenaufreibenden Kriminalplot erwartet, wird enttäuscht werden, denn Nolans Roman nimmt an diesem Punkt eine unerwartete Wendung. Statt der Kriminalgeschichte zu folgen, geht Nolan zurück in die Vergangenheit und erzählt nacheinander kurze Episoden aus dem Leben der drei Familienmitglieder. Sie erzählt von Carmels erster großer Liebe und ihrer Schwangerschaft mit Lucy, von Richies Alkoholsucht und von Johns erster sowie zweiter Ehe mit Rose, Carmels Mutter, die einige Jahre vor den Geschehnissen der Gegenwart verstorben ist.
Nolan rückt also – überraschend, wie ich finde – ihre Figuren ins Zentrum der Geschichte und mit ihnen das, was der Originaltitel so wunderbar und erschreckend tragisch zu beschreiben weiß: ihre ordinary human failings. Es geht also nicht um dunkle Geheimnisse, angesichts derer die Mainstream-Medien sich die Finger lecken, sondern um die ganz gewöhnlichen, menschlichen Versäumnisse und Fehltritte einer Working-Class-Familie aus dem Irland der späten 1970er Jahre. Und aufgrund dieses sehr deutlichen historischen Bezugs widmet sich Nolan Fragen zu Themen wie Klasse, Scham, Trauma, Gewalt und Feminismus. Bei aller Diskursraffinesse ist dieser Roman aber insbesondere eins: zutiefst menschlich.

Nolan blickt nie von oben auf ihre Figuren herab, sondern begegnet ihnen auf Augenhöhe, mit aufrichtigem Interesse, Wärme und Empathie. Ihr Roman ist nicht nur Medien- und Sozialkritik, sondern zugleich ein psychologisch präzise gearbeiteter und scharfsinniger Text. Man könnte ihn auch als Psychogramm dreier Figuren lesen, die sich infolge eines ungeheuerlichen Ereignisses mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen und sich dabei eingestehen müssen, dass ihre Versäumnisse Nachbeben erzeugen, die durch die Zeit hallen – durch Vergangenheit und Gegenwart bis weit hinein in die Zukunft. Worin genau die eben erwähnten Versäumnisse und Fehltritte bestehen, das liest man lieber selbst. Eins ist jedenfalls klar: Man verlässt den Roman anders, als man ihn betreten hat.

Jannik Schorn, Buchsalon Ehrenfeld, Köln