Belletristik

Drucken

Buchempfehlung Belletristik

Autor
Buhl, Theodor

Winnetou August

Untertitel
Roman
Beschreibung

Wie erlebt ein Kind den Krieg? Wie wird es mit den Leichen, den Bomben, der Gewalt, der Auflösung aller Ordnung fertig? Und lassen sich die Wahrnehmungen des Kindes in den Erinnerungen des Erwachsenen wirklich präzise abbilden? Theodor Buhl führt meisterhaft vor, wie das geht: ein autobiographischer Roman über eine Kindheit in Schlesien während des Zweiten Weltkriegs, der ohne Nostalgie und Schönfärberei auskommt und seine literarische Kraft aus der präzisen Beobachtung der Details bezieht.

Verlag
Eichborn Verlag, 2010
Format
Gebunden
Seiten
320 Seiten
ISBN/EAN
978-3-8218-6118-0
Preis
19,95 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Theodor Buhl, geboren 1936 in Bunzlau/Niederschlesien, studierte an der Kunstakamdemie Düsseldorf und an der Universität Köln. Während seines gesamten Berufslebens als Lehrer arbeitete er an literarischen Werken, daraus erwuchsen Kontakte zu Heinrich Böll und Peter Rühmkorf. Die erste Fassung von Winnetou August entstand Ende der achtziger Jahre, seitdem hat er immer weitern an diesem Text gearbeitet. Theodor Buhl lebt in mit seiner Frau in Düsseldorf.

Zum Buch:

Eine Kindheit im Zweiten Weltkrieg in Schlesien muss geprägt sein von Zerstörung, Flucht, Gräueln und Angst. Das jedenfalls könnte man meinen, und das ist auch so. Aber aus der Perspektive des kindlichen Protagonisten ist es eben auch eine „normale“ Kindheit, geprägt von den Eltern mit ihren Marotten, den Kabbeleien mit dem älteren Bruder, den Doktorspielen mit den Nachbarsmädchen, der ersten Zigarette. Die Leichen, die Vergewaltigungen, die Flucht, all das gehört für den achtjährigen Rudi ganz einfach zum „normalen“ Leben, genauso wie das „Irrenhaus“, in dem August, der Vater, als Wärter arbeitet, der steife Arm, den er aus dem ersten Weltkrieg mitgebracht hat, die Sehnsucht der Mutter nach dem selbst gebauten Eigenheim in Bunzlau, das sie vermieten mussten, weil August keine Arbeit fand. Und genauso wie die irrwitzigen Fluchten: erst vor den anrückenden Russen zu Verwandten nach Dresden, wo sie mit knapper Not die Bombardierung überleben, dann den anrückenden Russen entgegen nach Bunzlau, um dort allen guten Ratschlägen zum Trotz das Eigenheim wieder in Besitz zu nehmen, nur um von dort den Leiterwagen unter großen Gefahren gleich wieder zurück schieben zu müssen. Die  Wartezeit bis zur Abschiebung nach Westen vertreibt sich Rudi mit Büchern, die sein Bruder und er mit dem Vater aus einem verlassenen Haus geholt haben, und verliert sich in den Weiten der Prärie mit dem edlen Apachen Winnetou, dessen Authentizität vom Autor Karl May bzw. dem Erzähler Old Shatterhand beglaubigt ist. Weder die Bomben noch die alltägliche Brutalität oder der Abschied von der vom Vater so glorifizierten Heimat Schlesien lassen Rudis Welt zusammenbrechen,  sondern die Einsicht, dass es Winnetou nie gegeben hat – genauso wenig wie das idealisierte Schlesien des Vaters.

„Winnetou August“ ist ein bemerkenswertes Buch, das aus der akribischen Sammlung von Details eine so skurrile wie erschreckende Welt entstehen lässt. Theodor Buhl hat, wie der Klappentext verrät, zwanzig Jahre an dem Text gefeilt, und diese Mühe hat sich in jeder Hinsicht gelohnt.

Irmgard Hölscher, Frankfurt am Main