Zur Autorin/Zum Autor:
Georg Diez, Jahrgang 1969, ist Journalist und lebt mit seiner Familie in Berlin. Er hat für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, den Spiegel und Die Zeit geschrieben und ist heute Autor der Süddeutschen Zeitung.

Alles hat zwei Seiten im Leben, und das gilt auch für Bücher. In Georg Diez Buch lese ich einerseits: ein 40jähriger Schnösel, voll im Trend mit seiner Eigentumswohnung in Berlin, der Hochzeit auf Capri, der schwangeren Frau in Frankfurt, ständig im Flieger, die Mutter sterbend in München, bewundert sich für die Erfüllung seiner Sohnespflicht und nimmt ansonsten übel. Aber es gibt da noch eine andere Seite, und um deretwillen lohnt sich die Lektüre.
Diez beschreibt einfühlsam das Leben seiner Mutter: 1935 geboren, streng und lieblos in einem bigotten Haushalt erzogen, Studium der Kirchenmusik, Heirat mit einem Pfarrer, dann der Aufbruch: Scheidung, Frauenbewegung, neues, selbstbestimmtes Leben, beruflicher Erfolg, Unabhängigkeit. Er beschreibt die Fakten, die er kennt, aber er versteht sie nicht, weil er sie nur unter dem Aspekt des Endes sieht, an dem die Krankheit und damit zwangsläufig Abhängigkeit und Einsamkeit stehen. Der Tod macht für ihn die Aussage seiner Mutter, ein gutes Leben gehabt zu haben, zur Lüge. Mit geradezu verzweifeltem Trotz setzt er ihrem in seinen Augen gescheiterten Lebensentwurf den eigenen entgegen, das heißt: Ehe, Familie, geordnete Verhältnisse, als sei das eine Garantie gegen Krankheit und Tod.
Die andere Seite heißt also: Der Tod meiner Mutter ist ein äußerst spannendes Buch, wenn man auf das achtet, was die sanfte, gelegentlich allzu sanfte Sprache nicht verbergen kann: die Mühe, die Unabänderlichkeit des Todes als Teil des Lebens zu betrachten, sich mit der eigenen existentiellen Einsamkeit auseinanderzusetzen und den Eltern zu verzeihen.Irmgard Hölscher, Frankfurt am Main