Zum Buch:
Was ist besser: Theorie oder Praxis? Das fragt sich die promovierte Kriminologin Nadia Amin, die gerade mit einem Konzept über die Deradikalisierung von IS-Frauen endlich eine Dozentur an der Uni erobert hat, gleichzeitig aber das Angebot erhält, in einem UN-Projekt im Irak ihre Theorien praktisch zu erproben. Nach all den Jahren wissenschaftlicher Arbeit ist der Einblick in die Praxis zu verlockend, und die Tatsache, dass ihre Freundin Rosy sie nach zehn Jahren einfach so sitzenlässt, scheint auch dafür zu sprechen – Orts- und Tätigkeitswechsel sind bekanntlich ein probates Mittel gegen Liebeskummer. Also auf in den Irak – mit dem falschen Gepäck, unpassender Kleidung und einem Haufen unrealistischer Vorstellungen.
Die Wirklichkeit in ihrem UN-Projekt sieht dann zunächst so aus: Streitereien um die Leitung des Teams, das aus einem wild zusammengewürfelten Haufen von jungen Zynikern, Gutmenschen und Karrieristen besteht; nicht eingehaltene Absprachen mit korrupten Politikern, endlos aufgeschobene Termine und entsprechend lange Perioden der Langeweile, die mit albernen Spielchen, Sex und Alkohol gefüllt werden. Als das Projekt dann endlich anläuft, tun sich neue Schwierigkeiten auf. Die oberste Leitung und die irakischen Behörden verlangen etwa die Beteiligung eines Imams, der den Frauen eine sanftere Form des Islam beibringen soll – gar nicht so leicht zu finden. Schließlich entscheidet man sich für den am wenigsten ungeeigneten Bewerber: einen konvertierten Hippie aus Kalifornien, den die zu deradikalisierenden Frauen im Camp ganz offen auslachen oder auch schon mal anspucken.
In all diesem Durcheinander begegnet Nadia der 19jährigen Sara, die mit 15 dank der Einflüsterungen eines IS-Kämpfers nach Mossul gezogen ist. Doch das versprochene islamische Paradies stellt sich als brutale Hölle heraus: ihr Mann vergewaltigt sie, sie darf das Haus nicht verlassen, hat kaum Kontakt zu anderen Menschen, aber sich ihre Cockney-Frechheit bewahrt. Gerade diese Frechheit und der drastische Humor erinnern Nadia an ihre eigene Jugend, und sie setzt sich nach Kräften für ihren Schützling ein, dessen Rettung ihr immer wichtiger wird …
Fundamentalös ist eine bitterböse und streckenweise saukomische Satire auf den UN- und NGO-Betrieb, den die Autorin aus eigener Anschauung sehr gut kennt, wirft aber auch viele Fragen über die Möglichkeiten auf, Menschen zu helfen, ohne ihnen die eigenen Selbstgewissheiten aufzudrängen, und ihnen stattdessen die Chance zu geben, selbst darüber zu bestimmen, wie sie leben wollen. Fazit: Spannende und witzige Lektüre, verbunden mit ernsten Fragen über den Zustand unserer Welt.
Irmgard Hölscher, Frankfurt a.M.